Erst einmal Richtung Südwest

Langfristig möchte ich mit Paikea im Mittelmeer segeln. Dorthin möchte ich aber nicht direkt und auch nicht auf dem schnellsten oder kürzesten Weg. Daher geht es in diesem Jahr erst einmal nur grob Richtung Südwest. Das Mittelmeer darf noch ein wenig warten.

Warum Mittelmeer? Dort habe ich segeln gelernt und den größten Teil meiner „Segelkarriere“ verbracht. Ich mag die lange Segelsaison, das warme Wetter, das Segeln in Shorts und T-Shirt, die vielen Inseln und die schönen Ankerbuchten. Ich schätze dort auch die egalitärere Segelkultur, die jeden auf seine eigene Art und Weise segeln lässt. Ich kann inzwischen ja auch zugeben, dass ich mir erst vor wenigen Jahren, anlässlich eines Schwerwettertrainings im Winter vor Mallorca, mein erstes echtes Ölzeug und meine ersten Segelstiefel zugelegt habe.

Meinen ersten Kontakt mit dem Segeln überhaupt hatte ich auf dem Bodensee, wo mich meine damalige Frau dazu überredet hat, das Bodensee-Schifferpatent anzugehen. Zu der Zeit hatte ich schon über zehn Jahre am Bodensee gelebt und das Segeln genauso lange ignoriert. Als ich dann ein wenig Blut geleckt hatte, wollten wir wissen, wie sich das Segeln auf dem Mittelmeer anfühlt, und buchten einen Urlaubstörn auf Elba. Der wurde vom Anbieter kurzerhand mit einem Skippertraining zusammengelegt, weil es für beide Kurse zu wenige Anmeldungen gab. Danach war mir schnell klar, dass ich auf dem Mittelmeer selbst ein Segelboot chartern können wollte. Schon im folgenden Jahr machte ich deshalb den SKS-Schein, ebenfalls auf Elba. Ich habe schnell Gefallen an der Rolle des Skippers gefunden. Es folgten viele Jahre, in denen wir ein- bis zweimal im Jahr in verschiedenen Regionen des Mittelmeers gechartert haben.

2026 ist für mich eine Zeit des Umbruchs. Ich habe meine Arbeitsstelle zu Ende April gekündigt und will mir Zeit für eine Auszeit nehmen. Einen großen Teil davon möchte ich mit Segeln verbringen, aber nicht nur. Ich möchte herausfinden, was mir wichtig ist und was in den nächsten Jahren wichtig für mich sein wird.

Mein über viele Jahre eingeübtes Muster ist es, zu funktionieren, Projekte zielgerichtet abzuarbeiten und möglichst schnell anzukommen. Genau darin liegt die Gefahr: Auch die Fahrt ins Mittelmeer könnte wieder so ein Projekt werden. Genau das möchte ich dieses Mal vermeiden.

Vor 14 Jahren hatte ich schon einmal eine Auszeit und bin in den USA den Appalachian Trail gewandert. Auch das war ein sehr zielgerichtetes Projekt. In Erinnerung geblieben ist mir ein sonniger Spätsommertag in Neuengland. Gegen Mittag kam ich an einem einsamen See mit kristallklarem Wasser vorbei. Am Ufer standen eine Hütte, eine Hängematte und ein Kanu.

Ein Schild lud die Wanderer ausdrücklich dazu auf, eine Pause zu machen, die Hängematte zu benutzen oder mit dem Kanu hinauszufahren. Alles an diesem Ort lud dazu ein, zu verweilen. Und was habe ich gemacht? Ich setzte mich kurz hin, aß etwas, schulterte dann wieder meinen Rucksack und ging weiter. Wenig später zog ich mir eine Überlastungsverletzung zu und musste eine Zwangspause einlegen, nur eben nicht an einem schönen Ort. Dieses Muster möchte ich dieses Mal nicht einfach wiederholen.

Das Mittelmeer läuft nicht weg. Für meine Pläne in 2026 reicht mir deshalb erst einmal die grobe Richtung: südwestwärts. Ohne Druck. Genau das fällt mir nicht leicht. Und genau darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung. Denn so funktioniere ich bisher nicht.

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