Ein paar Wochen sind vergangen, seit ich Paikea mit kaputter Dieselheizung im kalten Nebel von Hindeloopen zurückgelassen habe. Es ist Sonntagnachmittag, und ich habe noch ein paar schöne Stunden mit meiner Partnerin verbracht. „Vertrödelt“ könnte man auch sagen. Das Auto hatte ich schon gestern gepackt, deshalb hält sich der Stress beim Aufbruch in Grenzen. Ein wenig Sorge habe ich wegen des Verkehrs. In einigen Bundesländern auf der Strecke gehen die Osterferien zu Ende. Zum Glück läuft die Fahrt trotzdem gut, und mit einer größeren Pause komme ich gegen 22:30 in Hindeloopen an.
Jetzt gilt es nur noch, das ganze Gepäck aus dem Auto zum Boot zu schleppen. Ich schließe auf und nehme das Steckschott heraus. Als ich das Licht anmache, sehe ich sofort, dass das Chaos im Innenraum noch genauso ist, wie ich es zurückgelassen habe. Ein Stegnachbar hat mir freundlicherweise den Luftentfeuchter wieder eingeschaltet, sobald Strom am Steg verfügbar war. Deshalb ist es trocken und riecht nicht muffig. Die Werft hatte mir schon vor ein paar Tagen geschrieben, dass sie Zeit hatten, nach der Heizung zu schauen. Der Fehler war schnell gefunden: das Gebläse war defekt.
Meine ersten Schritte führen direkt zum Schaltpanel am Niedergang. Ich drücke den Einschalter und drehe den Regler hoch. Als ich kurz darauf das rhythmische Klacken der Dieselpumpe höre, bin ich ehrlich erleichtert. Schon bald strömt warme Luft in den Salon. Ein wenig Sorge hatte ich schon, dass ich die Nacht hier wieder im Kalten verbringen müsste. Zum Glück war das unbegründet.
Ich schiebe die Matratze zurück auf das Bett in der Vorschiffskabine und beziehe Kissen und Decke mit der mitgebrachten Bettwäsche. Dann räume ich eine Ecke der Sitzbank frei und öffne eine Flasche Rotwein, die ich mir unterwegs noch gekauft habe – in den Niederlanden haben die Supermärkte sonntags ja geöffnet. Erleichterung macht sich breit. Und ein wenig Vorfreude auch. Kurz darauf liege ich in meiner Koje. Im Warmen.

Der Montag beginnt mit einem Blick durch die Luke in den Hafen. Das Wasser ist spiegelglatt, und die Segelboote am Steg gegenüber präsentieren sich passend zum Wetter in kühlen Blautönen. Ich mache mir Kaffee und Müsli zum Frühstück. Danach fange ich an, zumindest eine Seite des Salons rund um den Tisch freizuräumen. Vieles wandert erst einmal in die Achterkabine. Dann baue ich mein „Boat Office“ auf. Zweieinhalb Wochen muss ich noch arbeiten, bis meine Auszeit wirklich beginnt.
Während einer langen Mittagspause fange ich an, mich um das Teakdeck zu kümmern. Der Winter hat es graubraun verfärbt, und an manchen Stellen ist es grün von Moos und Algen. Hier am Steg bin ich der Einzige, der arbeitet. Mit Bürsten, Seife und dem Wasserschlauch mache ich mich ans Werk. Die Bürsten erzeugen zusammen mit Wasser und Seife eine braungrüne Brühe, die sich an manchen Stellen gleich wieder festsetzt. Blätter und andere Baumreste haben die Abläufe verstopft, sodass das Ganze auch nicht richtig ablaufen kann.
Ich beneide den Mann am Steg gegenüber. Sein Deck ist schlichtes GFK, das er elegant mit dem Hochdruckreiniger bearbeitet, während ich mich mit Bürsten, Seife und Muskelschmalz abmühe. Immerhin ist am Ende der Pause auf der halben Fläche schon wieder Holz zu sehen. Dafür sind Schuhe und Hose nass und dreckig, und die aufgeweichte Haut an meinen Händen hat an der einen oder anderen Stelle Blessuren davongetragen. Nach Feierabend mache ich auf der anderen Seite weiter. Da die Sonne inzwischen schon tief steht, ist es deutlich kühler und ungemütlicher als mittags. Am Ende des Tages bin ich erledigt. So richtig zufrieden bin ich noch nicht.
Am nächsten Morgen ist das Deck abgetrocknet, und die Sonne scheint. Im trockenen Zustand sieht das Ergebnis von gestern schon deutlich besser aus. In der Mittagspause rücke ich mit einer kleinen Bürste den übersehenen Stellen zu Leibe und widme mich auch noch dem Decksaufbau. Als ich am Abend mein Polster hole und mit Sonnenbrille auf meiner Cockpitbank sitze, freue ich mich plötzlich doch über mein schönes Teakdeck.
Nach Sonnenuntergang mache ich drinnen weiter. Hier habe ich noch kein vernünftiges System gefunden. Paikea hat nicht viel gut zugänglichen Stauraum. Unter den Salonbänken nehmen Diesel- und Wassertank fast den ganzen Platz ein. Größeren Stauraum gibt es unter den Betten. Um dort hinzugelangen, muss jedes Mal erst die Matratze weg.
Ich nehme mir vor, mein Ordnungssystem zu verbessern. Aber nicht jetzt und nicht diese Woche. Heute räume ich erst einmal nur weg und verschiebe das mit der Ordnung aufs nächste Mal. Morgen kommt noch der Bootselektriker vorbei. Ich möchte im Cockpit eine 12-Volt-Steckdose haben, um einen Reserve-Autopiloten anschließen zu können. Das gibt mir ein besseres Gefühl, wenn ich allein unterwegs bin.
Noch ist vieles Vorbereitung. Nicht nur am Boot, sondern auch in meinem Kopf. Am 30. April endet mein Arbeitsverhältnis. Es sind noch zweieinhalb Wochen, dann bin ich erst einmal für ein paar Monate frei. Im Moment macht mich dieser Gedanke eher nervös. Ich frage mich, ob ich mir zu viel vorgenommen habe und ob dieses Abenteuer am Ende nicht doch zu groß für mich ist.
Am 1. Mai komme ich mit meiner Partnerin wieder nach Hindeloopen. Wenn das Wetter mitspielt, wollen wir nach Texel segeln und dort ein schönes langes Wochenende zu zweit verbringen. Danach bringe ich sie zurück nach Hindeloopen. Sie fährt dann nach Hause. Ich bleibe beim Boot. Dann soll es irgendwohin gehen. Eigentlich.
Noch fühlt sich das nach Zwischenwelt an. Nicht mehr richtig im alten Leben und noch nicht unterwegs auf dem blauen Wasser.

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