Einhand von Texel nach Scheveningen

Nach der Abreise von Ursula bleibe ich allein auf Texel zurück. Es ist immer noch eher winterlich kalt. Die Zeit vertreibe ich mir mit Spaziergängen, oft zum Supermarkt oder zum Yachtausrüster, und mit kleineren Reparaturen an Bord. An so einem Segelboot gibt es ja immer etwas zu erledigen.

Schon seit Tagen nervt mich die Reffleine der Genua. Ich hatte sie im Winterlager von der Werft in Hindeloopen tauschen lassen. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass die neue Leine schwergängiger ist als die alte. Sie ist auch dicker. Ich dachte mir aber: Da waren die Profis am Werk, das wird schon seine Richtigkeit haben. Vielleicht muss sich das alles erst noch ein bisschen recken. Denkste. Inzwischen läuft die Leine fast gar nicht mehr sauber durch die Klemme. Ich entdecke nun auch, dass diese eigentlich nur für maximal 8-Millimeter-Leinen ausgelegt ist, während die Werft eine dickere 10-Millimeter-Leine eingebaut hat. Warum auch immer. Da die Rollanlage bei Paikea unter Deck im Ankerkasten verbaut ist, traue ich mich nicht, das selbst zu tauschen. Man kann entweder hinschauen oder daran arbeiten, aber nicht beides. Also mache ich mich auf die Suche nach einem Profi. Auf Texel gibt es genau einen Rigger. Der ist zum Saisonbeginn aber komplett ausgebucht. Also klappt es hier leider nicht.

Übermorgen soll es endlich ein Wetterfenster geben, und es könnte weitergehen. Ich spüre Freude, aber auch eine gute Portion Bammel. Werde ich es schaffen, allein abzulegen? Komme ich auf der Nordsee allein wirklich gut zurecht? Und warum um alles in der Welt wollte ich eigentlich einhand segeln?

Donnerstagmorgen. Es ist kühl, aber die Sonne scheint, und mit 5 bis 10 Knoten weht nur wenig Wind. Ich habe mir schon Tee gekocht, mich angezogen und das Ablegen vorbereitet. Alle Leinen sind kontrolliert, die ins Cockpit umgelenkte Vorleine ist gelegt. Mit ihrer Hilfe kann ich das Boot beim Ablegen kurz eindampfen und nur mit dieser einen Leine stabil halten, während ich die anderen löse. Trotzdem schaue ich immer wieder auf den Windmesser. Soll ich nicht doch noch warten, bis noch etwas weniger Wind ist? Ich bin nervös und traue mich nicht so richtig. Schließlich fasse ich mir ein Herz und frage den Stegnachbarn, ob er mir beim Ablegen hilft. Natürlich tut er das gern.

Also Leinen los. Trotz aller Vorsicht streife ich mit dem Bug noch leicht den Holzsteg, weil ich die Wirkung des seitlichen Windes unterschätzt habe. Das ärgert mich. Aber zwei oder drei Augenblicke später stehe ich an der Pinne und bin auf dem Weg aus dem Hafen.

Schön war es auf Texel. Jetzt freue ich mich auf das, was kommt. Ab hier bin ich wirklich allein unterwegs. Direkt vom Hafen geht es in den Texelstrom, der mich mit über zwei Knoten Richtung Nordsee schiebt. Zum Segeln reicht der Wind zunächst noch nicht aus, also fahre ich erst einmal unter Motor. Es gibt Frühstück, Sonne und das gute Gefühl, dass es nach Tagen im Hafen endlich wieder vorangeht. Schon seltsam: Draußen reicht der Wind kaum zum Segeln, im Hafen hatte er sich eben noch stark genug angefühlt, um mir das Ablegen fast auszureden.

Backbord liegt Den Helder auf dem Festland. Dort befindet sich der wichtigste Marinestützpunkt der Niederlande. Ein kleines Militärboot passiert mich. Laut AIS und einer kurzen Internetrecherche soll dieses Minenräumboot demnächst an die ukrainische Marine übergeben werden. Es ist schon erstaunlich, wie man manchmal ganz unvermittelt an großen politischen Geschichten vorbeisegelt.

Irgendwann reicht der Wind dann doch aus, und endlich kann ich den Motor ausmachen und die Segel setzen. Das erste Mal richtig segeln in dieser Saison. Jetzt fühlt es sich wirklich nach Unterwegssein an.

Nach sieben Stunden kommen die Industrieanlagen von IJmuiden in Sicht. Einen großen Teil der Strecke konnte ich segeln, zwischendurch musste der Motor immer wieder ein wenig den fehlenden Wind ausgleichen. Kurz danach ist auch schon die Hafeneinfahrt zu erkennen. Im großen Vorhafen bereite ich Fender und Leinen in Ruhe vor, damit in der Marina später alles griffbereit ist. Allein anlegen geht am besten, wenn man nicht erst im entscheidenden Moment suchen oder improvisieren muss.

Hafeneinfahrt von Ijmuiden

Trotzdem werde ich wieder nervös. Das erste Anlegen allein steht an. Nicht anlegen ist aber auch keine Option. Es klappt. Nicht schön, aber es klappt. Die Nachbarn helfen mir mit den Leinen, und ich frage mich kurz, was sie wohl über mich denken. Anfänger halt. Ich bin vor allem froh, dass dieser erste Solotag gut überstanden ist. Mit über neun Stunden auf dem Wasser war es ein langer Tag.

Die Restaurants am schönen Strand von IJmuiden haben leider schon geschlossen. Nach einem kurzen Spaziergang am Strand bei Sonnenuntergang bleibt deshalb nur die pragmatische Lösung: Ich koche mir selbst etwas an Bord.

Die Marina in IJmuiden ist schön und gepflegt, liegt aber eben zwischen Strand und Industriehafen. Kein Ort zum Bleiben, aber gut für eine Nacht. Im Internet habe ich herausgefunden, dass es hier im Hafen einen Rigger gibt. Dem schreibe ich noch am Abend eine Nachricht wegen meiner Reffleine. Er antwortet am nächsten Morgen freundlich und sagt, dass es gerade wegen des Saisonbeginns schwierig sei. Vielleicht hätte jemand aus seinem Team in den nächsten Tagen irgendwann zwischendurch Zeit. Das ist mir zu unsicher.

Also geht es gleich weiter in Richtung Scheveningen, denn das Wetter ist noch gut genug. Vorher tanke ich aber noch Diesel. 3,17 Euro pro Liter. Der Tank ist danach voll, die Kreditkarte deutlich leerer, und ich denke mir: Das ist sportlich.

Auf Scheveningen freue ich mich. Ich war letzten Herbst schon einmal dort, und es hat mir gut gefallen. Der Hafen liegt mitten in der quirligen Stadt, und damals fühlte es sich dort fast schon ein wenig wie Mittelmeer an.

Anfangs sieht es noch nach einem guten Segeltag aus. Doch nach einer Weile schläft der Wind fast komplett ein. Die Nordsee wird spiegelglatt. Also rolle ich das Vorsegel wieder ein und fahre unter Motor weiter.

Dann kommt doch noch einmal etwas Wind zurück, und ich kann wenigstens einen Teil der Strecke wieder segeln. In solchen Momenten bin ich besonders froh über Wilma, meinen Pinnenpiloten. Sie steuert ruhig weiter, während ich Segel trimme, navigiere oder einfach kurz durchatme. Gerade einhand geht es ohne Autopiloten kaum. Wilma habe ich vom Voreigner übernommen, und sie ist Teil der Crew geblieben.

Nach zwei weiteren entspannten Stunden unter Segeln kommt Scheveningen in Sicht. Über Funk melde ich meine Ankunft an, dann geht es in den Hafen. Vom großen Vorhafen führt ein schmaler Kanal weiter in den Jachthafen. Am Steg steht schon der Hafenmeister und weist mir eine Box zu. Das Anlegen klappt heute zum Glück problemlos. Wenig Wind hilft sehr.

Damit bin ich in Scheveningen. Eigentlich nur als Zwischenstation gedacht. Aber laut Wetterbericht ist in den nächsten Tagen starker Wind angesagt, und es wird wohl nicht bei einer Nacht bleiben.

In Scheveningen habe ich unerwartet Glück. Der Hafenmeister vermittelt mich an Wester von Tuned Rigs, der wegen der North Sea Regatta vor Ort ist und tatsächlich Zeit für mich hat. Innerhalb weniger Minuten tauscht er die Leine an der Furlex. Ruhig, routiniert und gefühlt ohne überhaupt hinsehen zu müssen. Beeindruckend. Dieses Problem scheint damit erst einmal gelöst.

Reffleinen-Problem gelöst!

Den Nachmittag nutze ich für einen Spaziergang am Strand. Später gibt es Kaffee und Kuchen. Am nächsten Tag sind Wind und Welle schon deutlich kräftiger. Für die Kitesurfer scheint das ideal zu sein. Wieder einen Tag später sieht es ganz anders aus: Hagel, Regenbogen, stürmischer Wind. Das ist nun auch den Kitesurfern zu viel, und ich habe den langen Strand bei meinen Spaziergängen fast für mich allein.

Die Wartezeit nutze ich für ein paar lange aufgeschobene Bootsprojekte: aufräumen, sortieren, Stauraum besser nutzen. Außerdem bekommt Wilma einen Assistenten. Ich richte endlich den unabhängigen Reservepinnenpiloten ein. Gerade beim Einhandsegeln ist es ein gutes Gefühl, dafür ein Backup an Bord zu haben.

An Auslaufen nicht zu denken

Damit endet dieser erste kurze Solo-Abschnitt in Scheveningen erst einmal. Die Reffleine der Genua ist getauscht. Wilma hat Verstärkung bekommen. Und wann es weiter in Richtung Belgien und vorbei an Rotterdam geht, entscheidet nun wieder einmal das Wetter.

Auch als Video auf Youtube

Praktische Infos

Jachtclub Scheveningen, Infos für Gastlieger

Tuned Rigs aus Enkhuizen, die, die ohne Hinsehen unter Deck Furklings wechseln können!

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