Der wirkliche Saisonstart

Am Nachmittag des 30. April fahre ich zurück nach Hindeloopen, und meine Partnerin ist auch an Bord. Mein Arbeitsverhältnis endet offiziell an diesem Tag. In den Wochen davor war ich zwar schon noch einmal am Boot, habe geputzt, aufgeräumt, die Heizung reparieren lassen und Paikea so weit vorbereitet, dass es bald losgehen kann. Aber heute fühlt es sich anders an. Nicht mehr nach Vorbereitung, sondern nach Lossegeln.

Der Weg nach Hindeloopen zieht sich heute zäh wie Kaugummi. Gefühlt stehen wir fast die ganze Strecke im Stau. Als wir spät am Abend am Boot ankommen, sind wir müde und erschöpft. Wir räumen nur noch das Nötigste weg und fallen bald in die Kojen.

Am nächsten Morgen beginnt der Tag mit Wettervorhersagen und der Frage, was wir mit dem langen Wochenende machen. Noch sind zwei schöne Tage in Sicht, danach soll es deutlich kühler, windiger und insgesamt ungemütlicher werden. Eigentlich wollen wir nach Texel fahren und dort ein paar Tage verbringen. Texel war schon im letzten Jahr unser Wunsch gewesen. Damals hatte uns das Wetter mehrfach einen Strich durch die Rechnung gemacht. Irgendwann war die Saison dann zu Ende, und Paikea war weder auf Texel noch in England. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auch diesmal ist die Entscheidung nicht ganz einfach. Meine Gedanken als Skipper sind nicht nur bei der Hinfahrt, sondern auch bei der Rückfahrt. Der Wind soll später ungünstig stehen, das Wetter schlechter werden, und es ist nicht sicher, ob wir von Texel wieder vernünftig wegkommen. Wir überlegen deshalb länger, ob wir das lange Wochenende nicht lieber im Ijsselmeer verbringen sollten. Das wäre die einfachere und konservativere Lösung, würde uns aber wieder nicht zu unserem Wunschziel bringen.

Am Ende hilft eine ziemlich praktische Überlegung bei der Entscheidung: Meine Partnerin könnte im Notfall von Texel mit der Fähre zurück aufs Festland fahren. Ich würde dann mit Paikea allein auf der Insel bleiben und auf ein neues Wetterfenster warten. Also entscheiden wir uns schließlich doch dafür: Wir fahren nach Texel.

Am nächsten Morgen laufen wir bei wunderschönem Sonnenschein aus. Paikea ist endlich wieder unterwegs. Schon das fühlt sich gut an. Nach all den Wochen mit Arbeit, Vorbereitung, Reha, Gedanken und offenen Punkten ist es ein besonderer Moment, wirklich loszufahren. Wir nehmen Kurs auf Kornwerderzand. Vor der Schleuse ankern wir noch im Ijsselmeer und genießen den Abend an Bord. Es ist ein ruhiger und schöner Beginn dieses Törns.

Ankerplatz an der Schleuse Kornwerderzand

Am nächsten Morgen geht es durch die Schleuse ins Wattenmeer. Es überrascht uns, wie viele andere Segler bei diesem eher ungemütlichen Wetter ebenfalls in der Schleuse liegen. Allerdings fahren von den vielen Booten nur zwei in Richtung Texel. Danach wird es gleich deutlich rauer. Zwar haben wir die Tide mit uns, aber der Wind kommt genau von vorn. Wind gegen Strom macht die Fahrt unangenehm kurz und ruppig, und warm ist es auch nicht gerade. Trotzdem ist es ein gutes Gefühl, unterwegs zu sein. Anfangs können wir sogar noch ein wenig segeln. Da wir unter Segeln zu langsam vorankommen, entscheiden wir uns dann doch, unter Motor weiter durchs Wattenmeer nach Texel zu fahren. Nach rund vier Stunden erreichen wir den Hafen von Oudeschild.

Im großen Vorhafen mache ich in Ruhe Leinen und Fender klar, bevor wir in den Yachthafen im hinteren Teil einlaufen. Ein freundlicher Nachbar nimmt unsere Leinen entgegen, und kurz darauf liegt Paikea sicher im noch nicht allzu vollen Hafen. Damit sind wir angekommen. Das erste Sehnsuchtsziel ist erreicht.

Waddenhaven Texel

Texel zeigt sich an diesem ersten Tag noch von seiner freundlichen Seite. Die Sonne scheint, und direkt am Hafen finden wir einen Biergarten. Dort trinken wir in der Sonne ein Anlegerbier. Oder vielleicht eher ein Ankunftsbier. Auf jeden Fall fühlt es sich gut an, hier zu sein. So weit ist der Plan aufgegangen.

In den nächsten Tagen bleibt das Wetter allerdings unbeständig. Es ist kühl, und der Wind weht aus einer Richtung, die für die Rückfahrt eher unerquicklich ist. Außerdem gehörten ein paar Tage auf Texel ja auch zu unserem Plan. Also machen wir auf Texel das Beste daraus.

Am nächsten Tag wandern wir vom Hafen aus Richtung Strand und dann weiter bis zum Fähranleger. Vieles davon direkt über den Sand. Wir sehen zahlreiche Vögel und sogar eine Robbe aus nächster Nähe. Das Wetter ist rau, der Wind kräftig, und gerade dadurch hat dieser Tag etwas sehr Eigenes. Texel ist noch keine freundliche Sommerinsel, sondern eher noch im ausgehenden Winter.

Vom Fähranleger fahren wir mit dem Bus weiter nach Den Burg. Es ist der Vorabend meines Geburtstags, und wir möchten irgendwo schön essen gehen. Wir landen im Branding & Citrus, und es wird ein ausgesprochen schöner Abend. Fünf Gänge, passende Weine, gute Stimmung, sehr aufmerksamer Service. Am Ende gehen wir die rund fünf Kilometer zurück zum Hafen zu Fuß. Zufrieden, leicht beschwingt und mit dem Gefühl, heute genau am richtigen Ort zu sein.

Am nächsten Morgen ist mein Geburtstag. Er beginnt an Bord mit leckerem Schokoladenkuchen und Geschenken. Danach mieten wir uns E-Bikes und fahren über die Insel. Unser erster Stopp ist die Schapenboerderij. Dort kann man Lämmer und Schafe streicheln, auf Niederländisch: „knuffelen“. Viele Familien mit Kindern sind da, aber ehrlich gesagt haben auch wir Großen unseren Spaß. Es ist einfach schön, diese Tiere einmal ganz nah zu erleben.

Schapenboerderij Texel

Später fahren wir weiter Richtung Strand, essen Fisch, trinken Kaffee im Paal 9 und machen einen langen Spaziergang am Meer. Es ist kein Segeltag, aber ein sehr guter Tag. Vielleicht sogar genau die richtige Art, diesen Geburtstag zu verbringen: draußen, gemeinsam, mit Wind, Strand, Tieren, gutem Essen und Paikea als Zuhause im Hafen.

Am nächsten Morgen muss meine Partnerin schon früh aufbrechen. Sie fährt mit dem Taxi zur Fähre und von dort weiter nach Den Helder aufs Festland. Danach geht es mit dem Zug nach Hause. Genau so hatten wir es ja vorsorglich schon vorher mitgedacht. Trotzdem ist es natürlich ein anderer Moment, wenn es dann wirklich so weit ist.

Ich bleibe mit Paikea allein auf Texel zurück. Das Wetter bestimmt jetzt, wann und wie es weitergeht. Bis hierhin war der Start in die Saison gemeinsam. Ab jetzt beginnt der Teil, in dem ich mit Paikea erst einmal allein unterwegs bin.

Auch als Video auf Youtube

Praktische Infos

Es lohnt sich, schon vor der Abfahrt die Verfügbarkeit von Liegeplätzen auf den Friesischen Inseln zu prüfen das geht ganz einfach online unter https://www.waddenhavens.nl/nl/

Waddenhafen Texel in Oudeschild. Schöne Marina mit Schwimmstegen und freundlichem Service. Ich habe für Paikea rund 35 Euro pro Nacht bezahlt. Strom und Duschen sind inklusive. https://www.waddenhaventexel.nl

Biergarten direkt am Hafen, nicht ganz günstig aber perfekt für’s Anlegerbier mit Blick auf den Hafen: De Kombuis https://www.kombuistexel.nl

Sehr lecker essen im Branding & Citrus in Den Burg https://share.google/hW5z2WjvsYBgVZGm1

Schafe und Lämmer streicheln „lammendes knuffelen“ in der Schapenboerderij https://www.schapenboerderijtexel.nl

Im Fischimbiss Vis Van Beek in De Koog gab es Matjes und Kipfilet https://www.visvanbeek.nl

Im Paal 9 Kaffee und Kuchen auf der Terrasse mit Blick über den Strand https://share.google/DEuFT8HA3m8ONbbvJ

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